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11.10.2009
Preise für Milchprodukte auf dem Weltmarkt um 65% gestiegen. Trendwende oder Blase?
Was kommt beim hiesigen Erzeuger an?
Von Juli bis Anfang Oktober 2009 sind die monatlichen Auktionspreise der weltweit führenden neuseeländischen Molkerei FONTERRA für Exportprodukte wie u.a. Vollmilch- (VMP) und Magermilchpulver (MMP) um rd. 65 % gestiegen. Die jüngste Internetauktion vom 06. Okt.2009 brachte noch mal eine Steigerung um 5 bis über 6 % gegenüber dem Vormonat September. Auf diesem Niveau dürfte sich vorerst das Preisniveau einpendeln.
Internet-Auktionsergebnisse für Vollmilchpulver in US-$ je t (FONTERRA, Neuseeland)

Die Preise für nordeuropäische Milchprodukte sind ebenfalls kräftig angezogen. In der letzten Septemberwoche 2009 kostete EU-Exportbutter im Großhandel in der Spitze bis 3.900 $ je t, MMP bringt im Export knapp 2.800 $ je t, Käse notiert erst bei 3.400 $ je t. Die Steigerungsraten in Nordeuropa betrugen allein in den letzten 3 Monaten über 34 %.

Die (Welt-)Marktpreise liegen deutlich über den staatlich garantierten EU-Interventionspreisen, die im Falle der Butter umgerechnet 3.216 $ je t und bei MMP bei 2.568 $ je t liegen. Damit verlieren die staatlich garantierten Mindestpreise an Bedeutung für die aktuelle Preisfindung, weil die im Markt erzielten Preise bereits höher notieren. Hilfestellung für die Milchbauern aus dieser Richtung kann daher von der Politik kaum erwartet werden, es sei denn, man würde die Interventionspreise nach Jahren des politisch systematisch gewollten Rückgangs wieder anheben. Selbst eine Anhebung um 10 % würde keine spürbare Preissteigerungswirkung entfalten, weil ein solcher Erhöhungssatz gerade ausreichen würde, die jetzt schon im Markt bezahlten Preise zu erreichen.
Bis auf den französischen Agrarminister und einige Lobbygruppen ist die Mehrheit aller anderen EU-Agrarpolitiker von der Forderung nach staatlichen Mindestpreis-erhöhungen wieder abgerückt und stellt stattdessen vorübergehende Über-brückungshilfen für Milcherzeuger und andere Maßnahmen in den Vordergrund.
Das Festhalten der EU-Kommission an der seit Jahren eingeleiteten Milchmarktpolitik mit dem Ziel des staatlichen Rückzuges aus dem Milchmarktgeschehen hat sich durchgesetzt. Wenn die (Welt-)Marktpreise höher liegen als die staatlich garantierten Mindestpreise, werden letztere überflüssig, weil sie keine positive Preiswirkung mehr ausüben können. Damit rückt auch das Ziel der Quotenaufgabe in realistisch greifbare Nähe, denn eine Kontingentierung hat die Aufgabe, zur Durchsetzung einer Hochpreispolitik eine zwangsläufige Überschusssteigerung einzugrenzen. Wenn aber die Quotenmengen EU-weit seit einigen Jahren nicht mehr ausgeschöpft werden, stellt sich die Frage nach dem Sinn einer Fortsetzung der Quotenregelung.
So folgerichtig die vorstehende Argumentation auch sein mag, sie gilt nur unter der Voraussetzung, dass das Marktpreisniveau weltweit im Durchschnitt der Jahre dauerhaft und nicht nur mal vorübergehend höher ist als die bisher mehrheitlich für notwendig erachteten staatlichen EU-Mindestpreise.
Wie dauerhaft ist der aktuell zu beobachtende Preisanstieg bei den Milchprodukten zu beurteilen?
Den ersten Hinweis auf eine etwas länger andauernde höhere Preisphase für Milchprodukte liefern die Auktionsergebnisse in Neuseeland. Die dort ausgehandelten Preise gelten für Lieferungen in dreimonatlichen Zeitabschnitten bis Ende Juni 2010. Die letzte Zeitspanne Apr/Juni10 brachte mit einem Steigerungs-satz von 6,7 % den höchsten Zuwachs gegenüber der Auktion im Vormonat September.
Durchschnittliche Ergebnisse der Internetauktion vom 05. Okt.2009 (FONTERRA; Neuseeland)
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in US-$ je t |
Sept 09-Kontrakte |
Okt09 – Dez 09 Kom |
Jan10- März10 |
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Durchschnittspreise 01. Jul 2009 |
1.841 |
1.806 |
1.849 |
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Durchschnittspreise 06. Okt 2009 |
Dez 09- Kontrakte 3.019 |
Jan10 – März10 Kontrakte 3.008 |
Apr10 bis Jun 10 Kontrakte 3.052 |
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Steigerung von Jul09 - Okt09 |
63,99 % |
66,55 % |
65,06 % |
Warum sind die Preise so stark gestiegen?
Bei der Gegenüberstellung von Angebot und Nachfrage in den letzten 3 Monaten wurde deutlich, dass die angebotenen Mengen auf der Auktion nicht kleiner ausgefallen sind, sondern von 19.000 t im Juli 09 auf 24.400 t im Okt 09 gestiegen sind. Von den weltweit bedeutenden Milchproduzenten bzw. Exporteuren haben nur wenige ihre Produktion zurückgefahren. Die Ursachen sind in den Ländern unterschiedlich. In Kraftfutter-orientierten Milcherzeugungsgebieten wie USA und Europa waren die immer noch hohen wenn auch fallenden Kraftfutterpreise im Verhältnis zu den gesunkenen Milchpreisen der Antriebsmotor für eine geringfügige Reduzierung. In den Grundfutter-orientierten Produktionsregionen wie Australien und Argentinien sind Nachwirkungen von Trockenheiten begrenzende Faktoren für die Ausdehnung der Erzeugung gewesen.
Dem Angebot standen erheblich gesteigerte Nachfragemengen gegenüber, die nicht in vollem Umfange zum Zuge kamen. Die suchenden Importländer stammen überwiegend aus den asiatischen Ländern und denen des Nahen Ostens, die aufgrund der sich wieder belebenden (Welt-) Wirtschaftskonjunktur sowie Ölpreisbefestigung auf hohem Niveau wieder über ausreichend Kaufkraft verfügen und verstärkt nachgefragt haben. Die sich zwischenzeitlich in der EU und den USA wieder angesammelten Interventionsbestände konnten offensichtlich keine Preisdämpfenden Wirkungen entfalten, wie das in früheren Jahren zu beobachten war. Dennoch werden diese vorerst vom Markt fern gehaltenen Mengen über kurz oder lang wieder in den Marktprozess eingeschleust werden müssen.
Bereits frühere Untersuchungen zur mittel- und langfristigen Nachfrageentwicklung haben eine enge Beziehung zwischen Wirtschaftswachstum, Einkommen und einkommensabhängiger Nachfrage nach Milchprodukten auf Weltebene herausgestellt. Dabei kommt den Schwellenländern im asiatischen Raum mit ihren überdurchschnittlichen Wachstumsraten eine besondere Bedeutung zu. Mit steigendem Einkommen werden zunehmend höher veredelte Produkte gekauft, die aufgrund begrenzter Möglichkeiten der Inlandserzeugung importiert werden müssen.
Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat diese grundlegende Entwicklung vorübergehend unterbrochen. Sollte sich der wirtschaftliche Aufschwung weltweit durch- und fortsetzen, wird mit einer Weiterentwicklung der Nachfragesteigerung zu rechnen sein, die kurzfristig aus dem vorhandenem Angebot nicht zu bedienen ist. Die Folge sind anhaltend hohe Preise.
Die Milchpreise werden jedoch nicht in den Himmel wachsen, denn der Milchmarkt ist hochsensibel. Schon ein Überangebot von deutlich weniger als 1 % lässt die Preise wieder auf ein Niedrigniveau absacken. Die Konkurrenz auf kostengünstigen Erzeugungsstandorten mit ganzjähriger Weidehaltung und fast ohne Kraftfutter-einsatz ist in der Lage, sich im Wettbewerb zu behaupten. Kleine Versorgungslücken können mit vermehrtem Kraftfuttereinsatz schnell geschlossen werden, große Defizite bedürfen erst einer zweijährigen Bestandsaufstockung.
Steigende Weltmarktpreise für Milchprodukte ermöglichen einen flotten Absatz der europäischen Überschußproduktion. Damit wird der Preisdruck aus dem EU-Markt genommen. Die im Export erzielten Preise sind Richtschnur für die Inlandspreise beim Verkauf an den Lebensmitteleinzelhandel. Die höheren Erlöse werden mit entsprechendem Zeitverzug und Preisabschlägen an die Erzeuger weitergereicht.
Die Erzeugung und Vermarktung von Milchprodukten braucht seine Zeit. Für die Dauerkäseherstellung ist dies ganz offensichtlich. Aber auch Butter - aus Winter- und Sommersahne verschnitten - braucht ihre Reifezeitsopanne. Der Verkauf der Waren einschl. ihres Transports und der Abrechnung geschieht überwiegend mit Hilfe länger laufender Kontrakte, so dass Preisentwicklungen auf den sog. Spotmärkten nicht ihren direkten Niederschlag bei allen Verkaufsmengen finden. In Fällen steigender Preise nehmen alle Zwischenvermarktungsstufen die Gelegenheit wahr, sich einen Teil vom größer gewordenen Kuchen abzuschneiden, um mögliche Verluste aus früheren Zeitspannen oder gestiegene Kosten auszugleichen oder - soweit es die Konkurrenz zulässt – zusätzliche Gewinne zu machen.
Die Folge dieses Marktprozesses ist ein Zeitverzug für die Milchauszahlungspreise, der je nach Produktionsstruktur der Molkerei von der Frischprodukte- bis zur Dauerkäseproduktion reicht. So ist denn auch festzustellen, dass die Erzeugerpreise mittlerweile zwischen 2 bis 6 cent/kg gestiegen sind. Eine weitere Befestigung wird in den kommenden Monaten erwartet.
Es wäre wünschenswert, wenn die zusätzlichen Milchgeldeinnahmen für die Konsolidierung der Betriebe eingesetzt würden und nicht gleich wieder in steigenden Quotenpreisen ihren Niederschlag finden.
Aktuell steigende Preise und Prognosen auf zukünftig höhere Preise sollten nicht dazu verleiten zu glauben, dass das immer und jederzeit der Fall sein muß. Man sollte klar unterscheiden zwischen einem langjährigen durchschnittlichen Preisniveau und den immer wieder auftretenden Preisschwankungen in Einzeljahren. Und wenn man sich in einer bestimmten Preisphase befindet, sollte man sie als solche auch erkennen und danach handeln.
Milcherzeuger sollten sich ein finanzielles Reservepolster anlegen, denn nach einem Preishoch kommt das nächste Preistief ganz bestimmt. Die letzten Jahre haben mit aller Deutlichkeit offenbart, dass Milchpreise immer weniger von relativ stabilen staatlichen Preisgarantien abhängen sondern zunehmend den Schwankungen des Marktes ausgesetzt sind. Das wird in Zukunft häufiger und intensiver nach oben wie nach unten vorkommen.
© H.Breker