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02.01.2010

Getreidemarkt zum Jahreswechsel 2009/10

Die gewöhnlich ruhige Zeit zwischen den Feiertagen wird üblicherweise dazu genutzt, Rückschau zu halten und ohne Entscheidungsdruck eine entspannte Vorschau auf die möglichen Entwicklungen des Jahres 2010 zu wagen.

Das Jahr 2009 wird für die Landwirtschaft als das Jahr der Anpassung an eine schwächere Nachfrage infolge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise eingehen. Die Ausgangslage war noch von der ungewöhnlich hohen Boomphase der Agrarpreise in 2007/2008 geprägt, so daß der Preisrückgang als besonders kräftig empfunden wurde. Neben einer guten Ernte wirkte sich auch der steigende Eurokurs preisdrückend aus. Insgesamt muß man jedoch feststellen, daß die Landwirtschaft mit ihrer relativ wenig krisenanfälligen Nahrungsmittel-produktion den Wirtschaftseinbruch vergleichsweise moderat überstanden hat. Für die weitere Zukunft bleibt die Frage offen, inwieweit die schwierige Konjunkturlage ohne Rückschläge bereits als überwunden betrachtet werden kann.

Rückblick:

Nach einer ausgeprägten Hochpreisphase infolge schwacher Welternten der Vorjahre deutete sich im zweiten aufeinander folgenden Jahr weltweit eine hohe Getreideernte 2009 an, die endlich die gerissenen Lücken der Vorratsbestände wieder schließen sollte. Jedoch bekam die aus der Sicht der gestiegenen Anbauflächen optimistische Perspektive einen deutlichen Dämpfer durch die verzögerte Mais- und Sojabohnenaussaat in den USA. Die heranwachsenden Ernten in den übrigen Erzeugungegebieten versprachen jedoch hohe Erträge und die US-Maisbestände holten zwischenzeitlich ihren Wachstumsrückstand teilweise wieder auf. Die Prognosen prophezeiten Rekordernten, die mit jeder monatlichen Schätzung bis in die jüngste Zeit gesteigert wurden. Selbst der Dauerregen zur Haupterntezeit von US-Mais sowie erste Frosteinbrüche bewirkten keine grundsätzliche Kehrtwendung. Die letzte USDA-Schätzung vom 10. Dez. 2009 bescherte nochmals eine kleine (statistische) Steigerung.

Man geht inzwischen davon aus, daß rd. 5 % bzw. etwa 16 Mio t US-Mais noch im Schnee auf den Feldern überwintern werden. Ob und inwieweit eine Ernte im Frühjahr möglich ist, wird angesichts der Schneestürme und Minusgradenn bis zu 20 Grad Celsius nur mittlere Chancen eingeräumt. Erste Schätzungen gehen von 2,5 Mio t Totalverlusten aus.Ungesicherte Meldungen über eine um 10 bis 15 Mio t geringere Mais- und Weizenernte tragen zusätzlich zur Verunsicherung über die tatsächliche Versorgungslage bei. Die Chinesen werden die Versorgungslücke erfahrungsgemäß aus ihren angehäuften Vorratsbeständen auffüllen. Mit großen Importen von Getreide/Mais ist nicht zu rechnen. Die chinesischen Zahlen gewinnen dadurch an Brisanz, weil die dortigen Viehbestände kräftig erhöht werden. Sollten die bisherigen Meldungen zutreffen, wird man die zukünftige Versorgungslage als weniger reichlich zu betrachten haben. Noch nicht endgültig entschieden ist die Erhöhung der Bioethanol-Beimischung von 10 auf 15 % in den USA. Möglich ist auch ein Kompromiss zwischen beiden Zahlen. In jedem Fall dürfte die Nachfrage nach Mais steigen. Die preiskritischen Versorgungsmarken rücken bedrohlich näher. Bei Mais könnte im schlimmsten Falle das Verhältnis von Endbestand zum Verbrauch auf unter 16 % rutschen.

Auf der südlichen Erdhalbkugel hat die Getreideernte in Australien in vollem Umfange eingesetzt. Die bisherigen Ergebnisse veranlaßten das australische Landwirtschafts-ministerium die Ernteschätzung beim Weizen um mindestens 1 Mio t zurückzunehmen. Etwas besser sieht es beim übrigen Getreide aus. Insgesamt bleibt Australien aufgrund der Nachwirkungen der „Jahrhundertdürre“ im Jahr 2006 noch weit hinter seinen früheren Ernte- und Exportzahlen zurück. Jüngste Regenfälle im Osten stören zwar den Erntefortschritt beim Weizen, dürften aber den Sommersaaten zugute kommen. Im Osten ist es heiß und trocken.

Daß die argentinische Weizenernte deutlich schlechter ausfällt, ist bereits seit Monaten bekannt und in den Börsennotierungen eingepreist. Monatelage Trockenheit hat den Anbauumfang auf 60 % der durchschnittlichen Weizenfläche reduziert. Die erst in jüngster Zeit aufgetretenen höheren Niederschlagsmengen haben die Aussichten auf eine gute Weizenernte eher verschlechtert, weil Ernteverzögerungen und Qualitätsschäden aufgetreten sind. Die regelmäßigen und teilweise ergiebigen Niederschläge kommen der Mais- und Sojasaat stärker zugute. 

An den Börsen reagierten die Getreidepreise Anfang bis Mitte des Jahres 2009 mit zunächst deutlich fallender Tendenz mit einem Tiefpunkt in der Nacherntezeit. Die zunehmend erkennbaren  Ernteprobleme in den USA führten in der Folgezeit zu stabilen und in jüngerer Zeit zu heftigen Kursbewegungen (in Dollar) zwischen 13 und 30 % Steigerung. Ein hoher und steigender Eurokurs dämpfte die dollarnotierten Preisbewegungen hierzulande erheblich ab.  Zugleich wurde auch deutlich, daß die gute EU-Ernte dringend auf den Export angewiesen ist, der sich jedoch infolge des schwachen Dollarkurses und der preisgünstigen Konkurrenz aus dem Schwarzmeergebiet bisher nicht wie notwendig entfalten konnte. Das europäische Preisniveau befestigte sich auf Börsenkurse (Euronext, Paris) zwischen 12 und 13 € je dt Weizen. Besonders schwer hatte es die Gerste, sich im Markt preislich behaupten zu können. Mit der letztmaligen Eröffnung der Interventionssaison im November 2009 wurden innerhalb weniger Wochen mehr als 4 Mio t in der gesamten EU, davon rd. 30 % in Deutschland interveniert. Das hat zu einer gewissen Befestigung der Erzeugerpreise im Binnenmarkt beigetragen.

Die anhaltende Ernteverzögerung und –erschwerung für den US-Mais hat ab Mitte Oktober 2009 die Kurse an den führenden Börsen mit Unterstützung spekulativer Einflüsse auf vergleichsweise hohem Niveau gehalten. Spekulatives Kapital strömte in die Agrarfutures, weil sie sich im Vergleich zu anderen Anlageformen auf niedrigem Niveau befanden und mögliche Kursverluste gering eingeschätzt wurden.

Entwicklung der Terminkurse für Weizen und Mais an der CME, USA

Mitte Dezember 2009 gerieten die Weizenkurse an den internationalen Börsen noch einmal unter Druck mit einem Preisrückgang innerhalb von 14 Tagen um über 10 %. Wesentlicher Hintergrund war ein spürbarer Abzug spekulativen Kapitals vor dem Hintergrund einer besseren Beschäftigungs- und Wirtschaftslage in den USA als bisher angenommen. Befürchtungen um eine aufkeimende Inflation schürten die Erwartung steigender US-Zinsen, deren bisheriger Stand in der Nähe von null liegt. Gleichzeitig gerieten die guten Versorgungskennzahlen des Weizenmarktes mit nahezu 29 % stock to use ratio wieder stärker in den Blickpunkt des Börseninteresses. Während man für die hohen (aber wackelnden) Weizenpreise keine fundamentale Begründungen vorlegen kann, sind für die feste Entwicklung des Maispreises die verbleibende Unsicherheit der Resternte, eine beachtliche US-Exportnachfrage, der günstige Absatz in Richtung Bioethanol sowie ein bisher nur als durchschnittlich zu betrachtendes weltweites Versorgungsniveau von 16,5 % stock to use ratio als Argumente ins Feld zu führen.

Insgesamt muß man die weltweiten Getreidemarkt 2009/10 derzeit immer noch so robust einschätzen, daß kleine bis mittlere Ernteausfälle ohne große Preissprünge verkraftet werden können. Treten die mutmaßlichen Minderungen nicht im geschätzten Umfange auf, werden die Endbestände hoch genug bleiben, um die Versorgung im Folgejahr abzusichern.  Bei fallenden Endbetsänden wird die Aufmerksamkeit zunehmend auf die Anbauflächen, den Wachstumsverlauf und die Ernteerwartung gerichtet werden, um daraus die entsprechenden Schlußfolgerungen für die Versorgung und weitere Preisentwicklung abzuleiten, die bereits im 1. Halbjahr 2010 erste Frühwirkungen auslösen könnte.

Ausblick:

Für die Ernte 2010 gibt es bereits erste Einschätzungen zu den Aussaatflächen und den Saatenstand für die kommende Erntekampagne. 

Fazit: Eine abschließende Beurteilung der Versorgungslage des Getreidemarktes 2009/10 ist aufgrund der noch verbleibenden Unsicherheiten über den endgültigen Ernteausgang nicht möglich. Trotz fehlender Abschlußdaten herrscht die Einschätzung vor, daß der Markt robust genug aufgestellt ist, ohne größeren Preissprünge den Anschluß an die neue Ernte zu schaffen. Für den Euro-Raum werden dollarnotierte Schwankungen ohnehin nur gedämpft ankommen. Schwierig wird die Beurteilung, inwieweit steigende oder fallende Endbestände den Markt im Nachfolgejahr be- oder entlasten.

Die Aussichten auf die neue Ernte 2010 sind durch regional gegensätzliche Entwicklungen der Anbau- und mutmaßlichen Ernteflächen noch schwieriger zu schätzen. Die Flächenerträge sind in hohem Maße witterungsabhängig und daher nicht konkret vorherschätzbar. Mehrjährige Durchschnittsertragsentwicklungen liefern nur eine ungefähre Orientierungshilfe. Es überwiegt jedoch die Meinung, daß die Ernte 2010 schwächer als die Vorjahresernte ausfallen könnte.

Im Vergleich dazu wird von einer anhaltenden Nachfragesteigerung durch die zunehmende Weltbevölkerung, Einkommenswachstum und vermehrten Verbrauch im Bioenergiesektor auszugehen sein. In den letzten 5 Jahren lag der Zuwachs zwischen 25 und 30 Mio. t je Jahr. Die Höhe der Nachfragesteigerung wird wesentlich von der Verbesserung der weltweiten Wirtschaftskonjunktur abhängen. Der steigenden Nachfrage stand mit 2 Supererntejahren ein gleich hoher Angebotszuwachs gegenüber. Eine knapp unterdurchschnittliche Ernte 2010 in Verbindung mit einem möglichen Bestandsabbau im laufenden Jahr könnte wieder zu einer spürbar knapperen Versorgungslage 2010/11 beitragen, ist aber noch Spekulation.

Die Vermarktung der Resternte 2009 steht unter den Vorzeichen eines aktuellen Tauziehens zwischen den zur Schwäche neigenden Weizen- und Sojapreisen und den eher festen Maispreisen. Inwieweit in den ersten Frühjahrsmonaten aufgrund der dann fälligen Anschlußversorgung eine Wiederbelebung der Preise eintritt, bleibt noch offen. Hierzulande könnte ein schwächer bleibender Eurokurs den Export noch beflügeln.

Ein dringlicher Handlungsbedarf für Teilabsicherungen der neuen Ernte 2010 besteht zurzeit nicht. Die angebotenen Börsenpreise ex Ernte 2010 liegen mit rd. 13,50 €/dt Weizen unter Durchschnittsniveau (umgerechnet auf Erzeugerstufe knappe 12 €/dt). Für eine geteilte  Absicherung sind zwischenzeitliche Preishochphasen zu nutzen, die es bis zur neuen Ernte immer noch mal geben dürfte.

Die staatliche Intervention 2010 wird aufgrund der Health Check Beschlüsse abgebaut und zu einer deutlich geringeren Preisstützung gegenüber dem laufenden Jahr beitragen. Man sollte jedoch die Bedeutung der Intervention für die Preisbildung im Vergleich zur Weltmarktorientierung nicht mehr überbewerten.

Weihnachtswetter in den USA: Starke Schneestürme und –verwehungen bis tief in den Süden hinein, Regenschauer im Küstenstreifen und aufziehende Überflutungsgefahren, dazu Blizzard-Warnungen. Über den Jahreswechsel hinaus bleibt es kalt bei anhaltenden aber mäßigen Schneefällen! Vorerst keine Sturmwarnungen

Reichliche Niederschläge im Osten Australiens              Heiße Temperaturen im Westen Australiens

 (bis zu 100 mm im Dez 09)                                                                  (über 40 Grad Celsius)

 

 

© H.Breker

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